Überblick
Die Forschungsbasis zu Semax umfasst Tiermodelle, Zell- und Molekularstudien sowie mehrere Humanuntersuchungen. Besonders häufig untersucht wurden zerebrale Ischämie, neurotrophe Signalwege wie BDNF/TrkB sowie Veränderungen neuronaler Netzwerkaktivität.
Die Evidenz ist jedoch ungleich verteilt: Mechanistische und präklinische Befunde sind wesentlich umfangreicher als hochwertige klinische Daten. Die vorhandenen Humanstudien stammen überwiegend aus russischen Forschungszentren, sind häufig klein oder älter und liefern nicht die Evidenzqualität großer randomisierter, verblindeter und unabhängig replizierter Zulassungsstudien.
Eine aktuelle FDA-Bewertung aus dem Jahr 2026 kam nach einer Recherche unter anderem in PubMed, Embase, Cochrane und ClinicalTrials.gov zu dem Ergebnis, dass die klinischen Informationen zur Charakterisierung von Sicherheit und Wirksamkeit von Semax beziehungsweise Semax-Acetat nicht ausreichen.
Präklinische Evidenz
Ein Schwerpunkt der präklinischen Forschung liegt auf Neurotrophinen und neuronaler Plastizität. In Ratten wurde nach Semax-Exposition eine veränderte Expression von BDNF und dessen Rezeptor TrkB im Hippocampus beschrieben. Weitere Untersuchungen zeigten regions- und zeitabhängige Veränderungen der BDNF- und NGF-Genexpression im Gehirn. Diese Ergebnisse liefern mechanistische Hinweise, belegen jedoch keinen entsprechenden klinischen Effekt beim Menschen.
Auch in experimentellen Ischämiemodellen wurde Semax untersucht. In Ratten wurden unter anderem Veränderungen von Neurotrophin- und Rezeptortranskription nach zerebraler Ischämie sowie ein geringeres Ausmaß experimenteller kortikaler Infarktschäden und Veränderungen in Gedächtnisaufgaben berichtet. Die Übertragbarkeit dieser Modelle auf menschliche Schlaganfallpatienten ist begrenzt.
Weitere mechanistische Arbeiten untersuchen Veränderungen von Genexpression, Signalwegen und Peptidabbau. Die FDA charakterisierte Semax in ihrer 2026 veröffentlichten nichtklinischen Bewertung als pharmakologisch pleiotrop, betonte zugleich jedoch, dass die zugrunde liegenden Wirkmechanismen nur unvollständig verstanden sind.
In einem deutlich weiter vom klinischen Einsatz entfernten Forschungsfeld wurde Semax außerdem in künstlichen Membran- und Zellmodellen im Zusammenhang mit Kupfer und Amyloid-β-Aggregation untersucht. Diese Ergebnisse sind experimentell und erlauben keine Aussage über eine Behandlung neurodegenerativer Erkrankungen beim Menschen.
Human-Daten
Humanstudien zu Semax existieren, sind aber in Umfang und Qualität begrenzt.
Eine 1997 publizierte kontrollierte Studie untersuchte 30 Patienten mit akutem hemisphärischem ischämischem Schlaganfall unter Semax zusätzlich zur Standardbehandlung und verglich sie mit 80 Kontrollpatienten. Die Autoren berichteten Unterschiede bei der Rückbildung neurologischer Defizite. Die Publikation stammt jedoch aus einem älteren klinischen Umfeld; aus dem verfügbaren Bericht lassen sich moderne Anforderungen an Randomisierung, Verblindung und Kontrolle möglicher Confounder nicht ausreichend beurteilen.
Eine weitere Arbeit aus dem Jahr 2018 untersuchte 110 Patienten nach ischämischem Schlaganfall. Patienten wurden nach frühem beziehungsweise späterem Rehabilitationsbeginn und nach Semax-Exposition gruppiert. Untersucht wurden unter anderem BDNF-Plasmaspiegel, motorische Funktionen und der Barthel-Index. Die Autoren berichteten höhere BDNF-Werte und günstigere funktionelle Verläufe in den Semax-Gruppen. Die Studie liefert klinische Signale, stellt jedoch keinen überzeugenden Nachweis aus einer großen, verblindeten und unabhängig replizierten randomisierten Studie dar.
Bei gesunden Probanden existieren kleine mechanistische Untersuchungen mittels funktioneller MRT. Eine Studie mit 24 Teilnehmern verglich 14 Semax-exponierte Personen mit 10 Placebo-Probanden und berichtete kurzfristige Unterschiede in Komponenten des Default Mode Network. Eine weitere Untersuchung analysierte funktionelle Konnektivität bei insgesamt 52 gesunden Teilnehmern unter Semax, Selank oder Placebo. Solche Befunde zeigen messbare kurzfristige Veränderungen neuronaler Netzwerke, sind aber keine Evidenz für eine klinische Wirksamkeit.
Daneben existieren ältere klinische Arbeiten unter anderem zu zerebrovaskulären Erkrankungen und Erkrankungen des Sehnervs. Aufgrund kleiner Stichproben, heterogener Behandlungskonzepte und teilweise eingeschränkter Berichterstattung lassen sich daraus keine belastbaren allgemeinen Wirksamkeitsaussagen ableiten.
Einordnung
Die vorhandene Forschung zeigt, dass Semax biologisch aktive Effekte in präklinischen Modellen besitzt und auch beim Menschen messbare neurophysiologische beziehungsweise biomarkerbezogene Veränderungen untersucht wurden.
Nicht ausreichend belegt ist dagegen, ob diese Veränderungen einen reproduzierbaren klinischen Nutzen bei konkreten Erkrankungen verursachen. Besonders aussagekräftig ist hier die FDA-Bewertung von 2026: Die Behörde fand keine ausreichende Evidenz, um die Wirksamkeit von Semax oder Semax-Acetat für die dort bewerteten Bereiche zerebrale Ischämie, Migräne oder Trigeminusneuralgie zu stützen, und bezeichnete auch die klinische Sicherheitsdatenlage als unzureichend charakterisiert.